Die Geschichte der Homosexualität ist eng an die Vorstellungen von Geschlecht geknüpft. Frühe Erklärungen sahen gleichgeschlechtliches Begehren als Ergebnis einer vertauschten «Seele» – etwa einer «weibliche Seele» im Körper eines Mannes. Rund 40 Jahre nach der ersten Erwähnung des Begriffs «homosexuell» in einem gedruckten Text im Jahr 1869 tauchten erste Bezeichnungen für trans Personen auf, also für Menschen, deren Geschlechtsidentität nicht dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht entspricht. In dieser Zeit entstanden neue Möglichkeiten, Identität zu benennen und zu verstehen. Sexualität und Geschlecht wurden zunehmend getrennt gedacht. Mit dem Aufstieg des deutschen Nationalsozialismus und dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs kamen diese Entwicklungen in Europa zu einem abrupten Stillstand. Diese Zeit war für queere Menschen und somit auch für viele der in dieser Ausstellung vertretenen Künstler:innen folgenschwer: Magnus Hirschfelds (1868–1935) richtungsweisendes Institut für Sexualwissenschaft in Berlin wurde 1933 im Rahmen der Bücherverbrennungen der «Aktion wider den undeutschen Geist» zerstört. Toyen (1902–1980), Mitglied der tschechischen und französischen Surrealistenbewegung, ging während der Prager Besetzung in den Untergrund. Der estnische Künstler Karl Pärsimägi (1902–1942) wurde im Konzentrationslager Auschwitz ermordet. Das französische Künstlerinnenpaar Claude Cahun (1894–1954) und Marcel Moore (1892–1972) leistete auf der besetzten britischen Kanalinsel Jersey Widerstand. Doch diese Geschichte endet nicht mit Verfolgung oder Schweigen. Wie es ein spätes Selbstporträt der deutschen Künstlerin Toni Ebel (1881–1961) – einer Überlebenden aus Hirschfelds Umfeld – zeigt, hielt die künstlerische Auseinandersetzung mit Homosexualität und trans Identitäten trotz Unterdrückung an und endete nicht 1939 mit Beginn des Zweiten Weltkriegs.
Claude Cahun (1894–1954) war Autorin und Künstlerin. Sie wuchs als Kind einer wohlhabenden jüdischen Familie im französischen Nantes auf. Bereits als Jugendliche begegnete sie ihrer späteren Stiefschwester Marcel Moore (1892–1972), die bis zu Cahuns Tod ihre Lebens- und Arbeitspartnerin blieb. Gemeinsam zogen sie nach Paris und nahmen die männlich klingenden Namen Claude Cahun und Marcel Moore an. Cahun beschrieb die eigene Geschlechtsidentität als fluide und neutral und wird aus heutiger Perspektive häufig als non-binär, also weder männlich noch weiblich, gelesen. Cahun und Moore schlossen sich der künstlerischen Gruppierung der Surrealist:innen an und beteiligten sich an Ausstellungen und unterschiedlichen politischen Aktionen. Die Surrealist:innen stellten traumhafte, irrationale und unbewusste Bildwelten ins Zentrum ihrer Kunst. Cahun war vielseitig tätig und nutzte das Medium, das für das jeweilige Projekt geeignet war: In Büchern wie Aveux non avenus (Nichtige Bekenntnisse) von 1930 verbindet sie in enger Zusammenarbeit mit Moore autobiografische Fragmente, Bildcollagen und Lyrik zu einer vielstimmigen Darstellung. Parallel arbeitete Cahun für Bühne und Theater. Das experimentelle «Anti-Theater» des Dichters und Künstlers Pierre Albert-Birot (1876–1967) bot ihr ein Labor für Maskerade und Rollenwechsel. Heute ist Cahun vorwiegend für eine Serie fotografischer Inszenierungen bekannt, in der sie die eigene (Geschlechts-)Identität auf spielerische Weise auslotet – inszeniert und fotografiert von Moore. Wegen des aufkommenden deutschen Faschismus zogen Cahun und Moore 1937 nach Jersey, eine britische Kanalinsel. Nach der Besetzung von Jersey durch die Deutschen 1940 leisteten die beiden mit unterschiedlichen Interventionen als «Der Soldat ohne Namen» Widerstand. 1944 wurden beide verhaftet, zum Tode verurteilt und nur durch das Kriegsende vor der Hinrichtung bewahrt.
Auf dem Gemälde Lili und Gerda auf der Terrasse (Porträt von Lili und Gerda in Anacapri) (1929) der dänischen Malerin Lili Elbe (1882–1931) öffnet sich der Blick auf die italienische Mittelmeerinsel Capri. Die beiden sich angeregt unterhaltenden Personen sind dabei an den rechten unteren Bildrand gerückt, während die Landschaft den Grossteil der Komposition einnimmt. Capri und Südsizilien waren gegen Ende des 19. Jahrhunderts aufgrund ihrer grösseren Toleranz gegenüber Homosexualität Anziehungspunkte für Menschen, deren Begehren den herrschenden Moralvorstellungen widersprach. Dadurch wurde vor allem Capri zu einem Sehnsuchts- und Zufluchtsort – einem Ort zwischen gelebter Freiheit und romantisierenden Vorstellungen. Während Elbe das Gemälde noch unter ihrem früheren Namen signierte, gibt es bereits einen Ausblick auf die von ihr gewünschte Zukunft: Das Werk zeigt sie offen als trans Frau lebend, zusammen mit ihrer damaligen Ehefrau, der Künstlerin Gerda Wegener, geborene Gottlieb (1886–1940). Die Leinwand ermöglicht es, das eigene Leben selbstbestimmt zu gestalten, unabhängig von der Rechtsprechung, medizinischen Möglichkeiten oder gesellschaftlichen Wertvorstellungen. Ein Jahr nach der Entstehung des Gemäldes unterzog sich Elbe als eine der ersten bekannten Personen geschlechtsangleichenden Operationen. Elbes weibliches Geschlecht wurde rechtlich anerkannt und ihre Ehe mit Gerda Wegener infolgedessen annulliert. Gleichgeschlechtliche Ehen waren damals nicht legal. Sie liess ihren Namen zu Lili Ilse Elvenes ändern und wurde später als Lili Elbe bekannt. Elbe starb 1931 vermutlich an den Komplikationen ihres vierten operativen Eingriffs in Dresden.
Der deutsch-baltische Künstler und Schriftsteller Elisàr von Kupffer (1872–1942), bekannt als Elisarion, entwarf einen eigenen Kosmos, der Kunst mit Philosophie verbindet. In Minusio bei Locarno begründete er 1926 mit seinem Lebenspartner, dem Historiker und Philosophen Eduard von Mayer (1873–1960), die Religion des Klarismus und begann im gleichen Jahr das tempelartige Sanctuarium Artis Elisarion zu errichten. Es war mit Elisarions Bildwelten gefüllt, die die Kultur der vorder- und mittelasiatischen Länder mit Bezügen zur griechisch-römischen Antike und okkulten Lehren verknüpfen. Nach Elisarions Glaubensvorstellung wird der Mensch wahrhaft vollkommen, wenn er die Trennung von Männlichem und Weiblichem überwindet und damit das Ideal der Androgynität erreicht. Den Begriff der Homosexualität lehnte Elisarion ab, weil dieser eine geschlechtliche Zweiteilung voraussetzt, die er grundsätzlich verwarf. Gleichwohl stehen seine Werke visuell in der Tradition der homoerotischen Kunst des späten 19. Jahrhunderts, insbesondere in ihrer idealisierten Darstellung männlicher Jugendlicher. Elisarions Hang zu Selbstmythologisierung und sein Glaube an ein gehobenes Ideal waren nicht ohne politische Bezüge: Während des Nationalsozialismus in Deutschland begeisterte er sich für Adolf Hitler (1889–1945) und schrieb ihm bewundernde Briefe. Elisarions strikte Ablehnung einer Unterscheidung zwischen Mann und Frau und sein Versuch, ein universales Geschlecht zu schaffen, passen beunruhigend gut zu einer autoritären Logik, die Gleichheit gegenüber Unterschieden privilegiert. Anstelle von Vielfalt verfolgte Elisarion ein spezifisches Ideal menschlicher Vollkommenheit: Er postuliert ein universales Geschlecht für alle Menschen. Dies spiegelt sich auch visuell wider. Die Figuren seiner vermeintlich utopischen Bildwelt wirken auch in Form, Gestik und Ausdruck auffallend einheitlich.
Pavel Tchelitchew (1898–1957), geboren im Russischen Kaiserreich, arbeitete als Maler sowie als Bühnen- und Kostümbildner. Nach mehreren Stationen, darunter Berlin und Paris, liess er sich 1936 in New York nieder. Dort bewegte er sich in einem Kreis von Künstler:innen und Intellektuellen, zu dem unter anderem die Autorin Gertrude Stein (1874–1946), der Fotograf George Platt Lynes (1907–1955) sowie Tchelitchews Förderer Lincoln Kirstein (1907–1996), Mitgründer des New York City Ballet, gehörten. In diesem Umfeld waren Homosexualität und offene Beziehungsformen gelebte Realität. Ab 1925 erprobte Tchelitchew Verfahren, gleichzeitig mehrerer Blickweisen auf eine Person darzustellen. Kirstein beschrieb diese Vervielfachung als «mania of triplicity» (Wahn der Dreifachheit). Das hier gezeigte Werk Untitled (Seated Man, Multiple Images) (Ohne Titel [Sitzender Mann, mehrere Bilder]) gehört zur Gruppe der sogenannten Mehrfachbilder. Die fast fotografische Überlagerung unterschiedlicher Ansichten desselben Motivs versetzt die Figur in Bewegung und stellen Identität als wandelbar dar. Dies könnte als Spiegelung der Realität queerer Menschen verstanden werden, die in der Öffentlichkeit seit langem gezwungen sind, eine andere Person darzustellen, als sie es im privaten Kontext sein können. Die Auswahl der in der Nähe projizierten Fotografien zeigt, dass Künstler:innen zu dieser Zeit auch in diesem Medium experimentierten, um vielschichtige Identitäten durch Verdopplung, Überlagerung und Spiegelung darzustellen. Weil Fotografien meist klein waren und häufig im privaten Umfeld entstanden, ermöglichte die Fotografie, mit Darstellungen von Geschlechtsidentität und sexueller Orientierung zu experimentieren.
Toyen (1902–1980) war eine wichtige Person des tschechischen und französischen Surrealismus. Diese internationale Kunstströmung entstand um 1920 in Paris und sah Kunst als Mittel, um das menschliche Bewusstsein zu erweitern und sich von rationalen, bürgerlichen Auffassungen zu befreien. Obwohl die Surrealist:innen oft offen homophob waren, waren sie für queere Künstler:innen dennoch besonders interessant, sowohl wegen ihrer Ablehnung von Konventionen als auch weil sie abweichende Meinungen verführerisch erscheinen liessen. Die Pariser wie auch die tschechischen Surrealist:innen interessierten sich für Sigmund Freuds (1856–1939) Psychoanalyse, insbesondere für Träume, das Unbewusste und für Begehren als Werkzeug zur Erforschung des Bewusstseins. Die Person hinter dem geschlechtsneutralen Pseudonym «Toyen» hielt ihre Geschlechtsidentität und sexuelle Orientierung im Verborgenen und verbrannte alle persönlichen Dokumente. Toyen bevorzugte männlich gelesene Kleidung und Pronomen. Aufgrund dieser eher männlich wirkenden Selbstinszenierung gibt es Vermutungen, dass Toyen ein trans Mann oder non-binär war. Das ausgestellte Blatt Ohne Titel (Portrait mit Akt) (1935) zeigt mit wenigen Linien ein androgynes Gesicht mit schmalem Schnurrbart, über das sich die erotisierte Rückenansicht eines kopflosen, weiblich wirkenden Körpers legt. Das sichtbare Auge des Gesichts richtet sich auf die halb entkleidete Gestalt. Die Überlagerung des fragmentierten Körpers mit dem oberen Teil des Gesichts macht ihn als begehrte Erscheinung im (Un‑)Bewusstsein sichtbar.