01 Juni 2026

Anlässlich des Pride Month zeigen wir Werke aus der Sammlung des Kunstmuseums Basel, die sich mit Queerness auseinandersetzen.

Irène Zurkinden,
Freundinnen (1937)

Weibliche Homosexualität wurde bereits früh mit Freundschaft verknüpft. Dies fällt bei der Betrachtung von Literatur und Werktiteln auf, aber auch in den historischen Bezeichnungen für Beziehungen zwischen Frauen: Im 18. Jahrhundert sprach man von «romantischer Freundschaft» und im 19. Jahrhundert von sentimental friends (gefühlsvolle Freundinnen). Werke des beginnenden 20. Jahrhunderts hingegen zeigen, dass der Begriff der Freundschaft zu diesem Zeitpunkt eine doppelte Funktion erfüllte: Er diente sowohl als Deckmantel für als auch als Hinweis auf Homosexualität. Dabei zeigen die teilweise explizit erotischen Darstellungen sogenannter Freundinnen, dass die Intimität solcher Beziehungen keineswegs immer ein Geheimnis war.

Aristide Maillol,
Le coureur cycliste
(1907–1908)

Der Autor, Kunstsammler und Mäzen Harry Graf Kessler (1868–1937) war laut seinen Tagebüchern fasziniert von der körperlichen Erscheinung seines Liebhabers Gaston George Colin (1891–1957). Colin war Radrennfahrer und Jockey und sein schlanker, athletischer Körper entsprach dem homoerotischen Ideal seiner Zeit. Während einer gemeinsamen Griechenlandreise mit dem französischen Künstler Aristide Maillol (1861–1944) äusserte Kessler den Wunsch nach einer lebensgrossen Marmorstatue von Colin. Andere Quellen berichten, dass er eine Bronze nach dem Vorbild des Jünglings Narziss wünschte. Während Maillol viele Stunden an dem Auftragswerk arbeitete, dokumentierte Kessler den Schaffensprozess in Bild und Wort. Den Blick gesenkt und das Gewicht auf ein Bein verlagert, ähnelt die Skulptur antiken Darstellungen des mythologischen Gottes Apollon. Für Kessler war das antike Griechenland ein Vorbild, da hier sexuelle Beziehungen zwischen Männern und männlichen Jugendlichen gesellschaftlich verankert und etabliert waren. Vor dem Hintergrund der Unterdrückung von Homosexualität im 19. Jahrhundert erschien die Selbstverständlichkeit gleichgeschlechtlichen Begehrens in der Antike vielen als Ideal. Maillol liess sich während der Reise von den ästhetischen Vorlieben seines Mäzens überzeugen. In Le coureur cycliste (Der Radrennfahrer) inszeniert er den männlichen Körper als klassisches Ideal der Schönheit und Stärke.

Arnold Böcklin,
Sappho (1862)

«Mancher wird sich erinnern an uns, sage ich, auch weiterhin.» – Sappho (ca. 630–570 v. Chr.)

Die altgriechische Dichterin Sappho (ca. 630–570 v. Chr.) gilt bis heute als Inbegriff des Begehrens zwischen Frauen: Ihr Name führte zum Begriff «sapphisch», ihr Herkunftsort Lesbos zu «lesbisch». Im 19. Jahrhundert galten Veilchen als Symbol weiblicher Homosexualität, in Anlehnung an Sappho, die diese Blumen in ihren Gedichten erwähnte.

Ottilie Wilhelmine Roederstein,
Selbstbildnis mit roter Mütze (1894)

Mit durchdringendem Blick wendet sich die Schweizer Malerin Ottilie W. Roederstein (1859–1937) in diesem Selbstbildnis direkt an ihr Gegenüber. Der gedrehte Kopf, die starken Kontraste, die dramatische Lichtführung und die kleine Bildgrösse erinnern an Porträts der europäischen Kunst des 15. bis 17. Jahrhunderts. Die am oberen Bildrand angebrachte Signatur «O. W. Roederstein peinte par elle même 1894» (O. W. Roederstein von ihr selbst gemalt) und ihre Kleidung verstärken diese Parallele. Die rote Mütze verweist auf Rembrandt van Rijns (1606–1669) bekanntes Selbstbildnis um 1660. Die Baskenmütze findet sich als Kleidungsstück aber auch bei vielen ihrer Künstlerkollegen wieder. Damit bekräftigt Roederstein ihre Identität als professionelle Künstlerin, anstatt sich der vorherrschenden Frauenmode anzupassen. Das Werk wurde 1894 im Pariser Salon der Société Nationale des Beaux-Arts präsentiert und gilt als Roedersteins erstes öffentlich ausgestelltes Selbstporträt. Heute sind über 80 weitere bekannt. Die wiederholte Rückkehr zu ihrem eigenen Bild spiegelt eine intensive Auseinandersetzung mit künstlerischer Identität in einer Zeit wider, in der die berufliche Sichtbarkeit von Frauen noch umstritten war. Trotz aller strukturellen Widerstände positionierten sich Roederstein und ihre Lebensgefährtin Elisabeth H. Winterhalter (1856–1952) mit bemerkenswerter Eigenständigkeit. Roederstein zählte zu den erfolgreichsten Künstler:innen der Schweiz, Winterhalter war die erste Chirurgin Deutschlands. Sie lebten partnerschaftlich wie in einer Ehe, teilten einen Haushalt und waren finanziell unabhängig – eine Form des Zusammenlebens, die den gesellschaftlichen Vorstellungen ihrer Zeit widersprach.

Paul Camenisch,
Schweizer Narziss (1944)

Eine erste Deutung des Schweizer Narziss von Paul Camenisch (1893–1970) legt nahe, dass der Künstler den antiken Narziss-Mythos in ein zeitgenössisches Badezimmer verlegt. Wie die mythologische Figur richtet auch dieser Narziss den Blick ausschliesslich auf sich selbst. Den auf den umgebenden Fliesen dargestellten Gräueltaten des Zweiten Weltkriegs kehrt er den Rücken. Damit kritisiert Camenisch die Gleichgültigkeit der Schweiz während der Kriegsjahre, die sich vor allem für eigene Belange interessierte – selbstbezogen wie Narziss. Doch das Werk erlaubt eine weitere Leseweise: Gleichgeschlechtliche Liebe wurde schon vor der Verbreitung des Begriffs «homosexuell» mit dem Mythos des Narziss verbunden. Auch der Psychoanalytiker Sigmund Freud (1856–1939) setzte homosexuelles Verlangen in Zusammenhang mit Narzissmus. Vor diesem Hintergrund hält uns Camenischs Gemälde einen doppelten Spiegel vor: Es reflektiert nicht nur die selbstzentrierte Haltung der Schweiz, sondern auch die unsichere Lage von Homosexuellen angesichts des Aufstiegs des Faschismus in Europa. Trotz der liberalen Gesetzeslage in Basel ab 1919 und schweizweit ab 1942 blieb die Situation für homosexuelle Menschen angespannt. Die polizeiliche Erfassung und Überwachung von Homosexuellen hätte im Fall einer Besetzung der Schweiz eine Verfolgung durch die Nationalsozialist:innen erleichtert. Die gesellschaftliche Situation trug zur Verdrängung von Homosexualität ins Verborgene bei. Dieser erzwungene Rückzug ins Private zeigt sich auch in Camenischs Schweizer Narziss.

Die Ausstellung The First Homosexuals. Die Entstehung neuer Identitäten 1869–1939, zu sehen vom 7. März bis 2. August 2026 im Kunstmuseum Basel, erzählt von den Anfängen queerer Sichtbarkeit in der Kunst. Sie zeigt, wie sich seit der ersten öffentlichen Verwendung des Begriffs «homosexuell» im Jahr 1869 neue Vorstellungen von Sexualität, Geschlecht und Identität herausbildeten.