Podiumsdiskussion «Zerrissene Moderne»

Die Gegenwart der Geschichte - Wechselwirkungen zwischen Erinnerung, Kritik und Demokratie

Mittwoch, 18.1.2022, 18.15–19.45 Uhr, Kunstmuseum Basel | Neubau, Eventfoyer

Was wird gezeigt, erzählt und erinnert? Welche Bedeutung haben Erinnerungspolitiken für demokratische Gesellschaften? Welche Rolle übernehmen dabei öffentliche Institutionen, wie bspw. das Kunstmuseum? Anlässlich der Ausstellung «Zerrissene Moderne» geht Dr. Andrea Zimmermann (art of intervention) gemeinsam mit Prof. em. Andrea Maihofer (Zentrum Gender Studies, Universität Basel), Prof. em. Jakob Tanner (Universität Zürich) und Prof. Felix Uhlmann (Universität Zürich) diesen Fragen nach. Wie Geschichte erinnert und reflektiert wird und inwiefern für geschehenes Unrecht Verantwortung übernommen wird, so der gemeinsame Ausgangspunkt, spielt eine Rolle für die demokratische Gestaltung gegenwärtiger gesellschaftlicher Verhältnisse. So sind Akte des Erzählens und des Nicht-Erzählens, des Zeigens und des Verbergens stets Ausdruck einer Geschichte von Machtverhältnissen. Es ist eine dringliche Aufgabe, damit verbundene Prozesse der Selbstvergewisserung und Ausgrenzung kritisch zu beleuchten. Archive und Sammlungen sind wichtige Akteure bei dieser Arbeit an kollektiver Erinnerung: Was erzählen sie uns über emanzipatorische Bewegungen und Kämpfe um Rechte, Teilhabe und Sichtbarkeit? Welche Stimmen werden hier auf welche Weise hörbar? Und welche Rolle spielen die Künste in diesen Auseinandersetzungen um Demokratie und kritische Selbstreflexion? Die Gesprächsrunde bringt im Austausch von Geschichtswissenschaft, Geschlechterforschung, kritischer Gesellschaftstheorie und Recht verschiedene historische Ebenen und Perspektiven ins Gespräch. Die Expert:innen diskutieren insbesondere, wie sich der öffentliche Auftrag von Kulturinstitutionen im (inter-)nationalen Kontext fassen lässt: Inwiefern sollen und können sie Orte der Selbst-Reflexion einer Gesellschaft sein? Oder anders formuliert: Wie kann das Kunstmuseum gesellschaftliche Verhältnisse so in den Blick nehmen, dass eine Kritik an und eine Intervention in Genealogien der Ausgrenzung möglich werden?

Infos zu den Teilnehmer:innen:
Dr. phil. Andrea Zimmermann ist Literaturwissenschaftlerin und Geschlechterforscherin. Sie leitet verschiedene Forschungsprojekte am Zentrum Gender Studies der Universität Basel sowie dem Interdisziplinären Zentrum für Geschlechterforschung an der Universität Bern. Die Themen Gleichstellung, Diversität und Inklusion sind neben ihrer Grundlagenforschung zu queer-feministischer Kritik, Gefühlen und Männlichkeiten zentral für ihre Lehre und Publikationstätigkeit. Gemeinsam mit Dominique Grisard hat sie 2018 «art of intervention» ins Leben gerufen, eine Plattform für zahlreiche Kooperationen mit Kulturinstitutionen, um den Austausch zwischen Wissenschaft und Kultur zu fördern.


«Entartet» – Kunst im langen Schatten der NS-Propaganda

Mittwoch, 15.2.2022, 18.15–19.45 Uhr, Kunstmuseum Basel | Neubau, Eventfoyer

Die von der NS-Kulturpolitik ausgelöste Umverteilung von Kulturgütern und Kunst hatte weitreichende Auswirkungen – bis heute. Die etwa 21’000 Werke, die 1937 als «entartet» aus deutschen Museen beschlagnahmt wurden, unterteilte das Regime nach Nützlichkeitserwägungen: Beispiele einer bereits bekannten Moderne wurden dem Ausland zum Kauf angeboten, um Devisen ins Land zu holen. Die Werke von zu diesem Zeitpunkt noch weitgehend unbekannten Künstlerinnen und Künstlern hingegen wurden häufig zerstört, weil man keine Verwendung dafür sah. Über die immer noch spürbaren Folgen der nationalsozialistischen Diffamierung moderner Kunst spricht Eva Reifert, Kuratorin der Ausstellung Zerrissene Moderne, mit Forscher:innen und Museumsleuten: Kristina Kratz-Kessemeier ist Expertin für die Kunstpolitik der Weimarer Republik, Thomas Bauer-Friedrich ist Direktor des Museums in Halle (Saale), das durch die Beschlagnahmungen empfindliche Verluste erlitt, und Jürgen Kaumkötter leitet das Zentrum für verfolgte Künste in Solingen, das sich verschollenen, verlorenen und kaum berücksichtigten Kunstwerken und Künstlerschicksalen widmet.

Infos zu den Teilnehmer:innen:
Thomas Bauer-Friedrich (Jg. 1976) ist seit 2014 Direktor des Kunstmuseums Moritzburg Halle (Saale) der Kulturstiftung Sachsen-Anhalt. Nach einem Studium der Kunstgeschichte und Germanistik an der Universität Leipzig von 1995 bis 2002 arbeitete er zunächst für die Stiftung Bauhaus Dessau, bevor er 2003 nach London übersiedelte und unter anderem für die Tom Blau Gallery tätig war. 2004 bis 2007 absolvierte er ein Volontariat bei den Kunstsammlungen Chemnitz, dort verantwortlich für den Aufbau des Museums Gunzenhauser. 2005/06 war er Sprecher des Arbeitskreises Volontariat beim Deutschen Museumsbund, von 2007 bis 2014 erster Kurator des Museums Gunzenhauser der Kunstsammlungen Chemnitz. Seit 2013 ist Thomas Bauer-Friedrich Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Alexej von Jawlensky Archivs, Muralto / Schweiz und war 2015 bis 2021 Mitglied des Kuratoriums der Willi-Sitte-Stiftung, Merseburg. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Ausstellungen und Publikationen zur Kunst und Literatur des 18. bis 20. Jahrhunderts mit Fokus auf den Bereich der Klassischen Moderne.

Jürgen Joseph Kaumkötter, geb. 1969, Kunsthistoriker und Historiker, Kurator und Autor. Seit 2019 leitet er das Museum für verfolgte Künste in Solingen und ist ausgewiesener Experte für Holocaust-Kunst. 2005 zeigte er in einer großen Ausstellung im Centrum Judaicum in Berlin Werke aus der Kunstsammlung des Staatlichen Museums Auschwitz-Birkenau zum ersten Mal als ästhetische Objekte mit einem eigenständigen künstlerischen Wert und nicht nur als Illustration des Menschheitsverbrechens. Veröffentlichung u. a.: „Der Tod hat nicht das letzte Wort. Die Kunst der Katastrophe“ (2015).

Dr. Kristina Kratz-Kessemeier arbeitet als freie Kunsthistorikerin, Historikerin und Lektorin in Berlin. In Kooperation mit Museen, Universitäten und anderen Kulturpartnern, oft für die Richard-Schöne-Gesellschaft für Museumsgeschichte e.V. oder das Fachgebiet Kunstgeschichte der Moderne der TU Berlin, hat sie seit 2007 zahlreiche Forschungs-, Tagungs- und Publikationsprojekte zur Museums-, Kunstpolitik-, Kunsthandels- und Modernegeschichte des 20. Jahrhunderts realisiert, dabei mehrere Bücher veröffentlicht, u.a. zu Nationalgaleriedirektor Ludwig Justi, Museen im Nationalsozialismus, zum Berliner Kunsthändler Paul Graupe oder jüngst zu Museen in der DDR. Ausgehend von ihrer Dissertation Kunst für die Republik von 2008 zur Kunstpolitik des preußischen Kultusministeriums 1918-32 steht im Mittelpunkt ihrer Forschungen immer wieder vor allem die engagierte staatliche Moderneförderung der Weimarer Republik, zuletzt etwa mit Blick auf konkrete Staatsankäufe und die Vernetzung mit innovativen Künstlervereinigungen der 1920er Jahre.