03 Aug 2020

Heute heissen sie Bauknecht, Miele, Siemens und Adora – damals waren es Adèle, Marie, Alice, Germaine oder Berthe. Was derzeit Waschmaschinen zu Hause erledigen war bis weit ins 20. Jahrhundert noch mühsamste Handarbeit - von Frauen. Die Sammlung Im Obersteg besitzt ein frühes Bild mit der Darstellung von Wäscherinnen, «Les Lavandières›» (1927), gemalt von Alice Prin, besser bekannt als Kiki de Montparnasse (1901-1953).
Wer war sie? Als uneheliche Tochter einer Arbeiterin im Burgund geboren, wuchs sie bei ihrer Grossmutter in ärmlichsten Verhältnissen auf. Noch als Jugendliche begann sie sich einen Platz in der Kunstszene von Paris zu erobern und gehörte bald zum engsten Kreis der Bohème, wo sie als Tänzerin und Sängerin in Erscheinung trat. Die Spur dieser kecken Künstlerin und emanzipierten Frau hat sich bis heute nicht verloren. Sie lebt nicht nur in Gemälden von Chaim Soutine, Amedeo Modigliani, frühen Filmexperimenten und ikonischen Fotografien von Man Ray weiter, auch in Bildern, die sie selber gemalt hat. Eine künstlerische Ausbildung hatte sie nicht, aber genügend Selbstvertrauen. 1927 zeigte sie eine erste Ausstellung in der Galerie ‹Au Sacre de Printemps›, die im Nu ausverkauft war. Hier war auch unser Bild zu sehen.

In bunten Farbtönen und einer frischen, unbefangenen Ausdrucksweise gemalt, zeigt es fünf kräftige Wäscherinnen bei der harten Arbeit am Fluss. Anstrengend und aufwändig muss es gewesen sein! Mit weiten Röcken und hochgesteckten Haaren ist jede der Frauen in eine andere Tätigkeit vertieft – teilweise auf den Knien oder mit gekrümmtem Rücken. Mit nackten Armen wird angepackt, geschrubbt, gespült und aufgehängt. Eine Schubkarette zum Transport der Textilien und zwei grosse Zuber stehen bereit, Hosen und bunte Tücher trocknen an einer Leine, die zwischen zwei Bäume gespannt ist. Gezeigt wird hier nur der letzte Akt des Waschvorgangs. Voraus gehen 24 Stunden Einweichen und das Kochen der Wäsche in grossen Kesseln, sowie die Behandlung mit verschiedenen Seifen. Aus Kostengründen wurde oft auf Soda ausgewichen, was die Hände der Arbeiterinnen zusätzlich auslaugte.

Zwei Bilder - zwei Blicke, die unterschiedlicher nicht sein könnten! Wie gegensätzlich dazu ist doch der Rückenakt, der gleich daneben hängt, aus der Sammlung Esther Grether, ‹Le violon d’Ingres› (1924) von Man Ray. Kiki selber stand Modell! Nicht nur hier auch in anderen Aufnahmen aus der Zeit seines surrealen Schaffens. Während die Wäscherinnen wahrscheinlich auf Kikis Jugenderinnerungen zurückgehend, den Arbeitsalltag von Frauen zeigen, die mit gebeugten Rücken harte Arbeit verrichten, verwandelt sich die elegant geschwungene Rückseite bei Man Ray zum entrückten sinnlichen Instrument - die Projektion eines begehrenden Blicks.

Autorin: Iris Kretzschmar, Kunsthistorikerin und Kunstvermittlerin