02 Aug 2020

Unter Bildersturm oder Ikonoklasmus versteht man die bewusste Zerstörung von Bildern oder Denkmälern, sei es aus politischen, weltanschaulichen (in der Regel religiösen) oder ästhetischen Gründen. Schon seit der Antike sind uns solche Aktionen bekannt und sie setzen sich bis in die Gegenwart fort. Die Nationalsozialistische Zensur expressionistischer Kunst und deren Diffamierung als „entartet“ gehört genauso dazu wie die Sprengung der grossen Buddha-Statuen von Bamiyan in Afghanistan durch die Taliban 2001.

Im Jahre 1529 wurde Basel im Zuge der Reformation zum Schauplatz eines Bildersturms, bei welchem unzählige religiöse Kunstwerke in den Kirchen der Stadt zerstört wurden. Ein Zeitzeuge dieses Bildersturmes gelangte über das Amerbach-Kabinett in die Sammlung des Kunstmuseums. Diese Tafel aus der Werkstatt von Hans Holbein d. J. zeigt Jesus mit seinen Jüngern beim letzten Abendmahl und trägt deutliche Spuren einer gewaltsamen Aktion. Wir sehen statt der zu erwartenden zwölf Jünger derer nur neun dargestellt. Am rechten Bildrand ragen ein Fuss und gefaltete Hände ins Bild, die sich keinem der Dargestellten zuordnen lassen. Wir dürfen also davon ausgehen, dass die Tafel, die heute aus fünf vertikal verleimten Brettern besteht, ursprünglich links und rechts sicherlich um je ein Brett breiter war und die fehlenden drei Jünger dort Platz gefunden hatten. Im Himmel lassen sich trotz sorgfältiger Restaurierung noch deutliche Schlagspuren erkennen und eine Flickstelle rund um die Christusfigur, die einst herausgesägt wurde, glücklicherweise aber mit dem Originalstück wieder eingesetzt werden konnte.

Wo genau sich die Tafel befunden haben mag, als sie den Angriff erlebte, und wie sie geborgen werden konnte, ist uns nicht bekannt, doch muss ihr Zustand desolat gewesen sein, als sie in das Amerbach-Kabinett kam. Basilius Amerbach beschreibt sie in seinem Inventar als „Zerhauen und wieder zusammengeleimt, aber unflätig“.

Während der Reformationszeit wurden jedoch nicht nur religiöse Bilder zerstört, es wurden auch Bilder geschaffen. Martin Luthers Schriften erreichten nur eine gebildete Minderheit, die lesen konnte. Die weite Verbreitung seiner Ideen wäre ohne das Medium des Bildes, das sich auch an Analphabeten richtet, in dieser Form wohl kaum möglich gewesen. Lucas Cranach d. Ä., den eine enge Freundschaft mit Luther verband, übernahm einen entscheidenden Teil dieser Bildpropaganda. Er führte eine grosse Werkstatt mit mehreren Mitarbeitern, konnte eine umfangreiche Produktion gewährleisten und war ein geschickter Geschäftsmann. Seine Propagandabilder spiegelten die reformatorischen Ideen oder zeigten zynische und satirische Angriffe gegen die Katholische Kirche und ihr Oberhaupt den Papst. Aber auch das Portrait des Reformators Martin Luther wurde geradezu seriell angefertigt, mit dem Ziel, dessen Gesicht zu verbreiten und bekannt zu machen. Das bevorzugte Medium für Propagandabilder war die Druckgrafik, das eine rasche und kostengünstige Vervielfältigung erlaubte.

Im Kunstmuseum Basel befindet sich ein kleines gemaltes Rundbildnis des Reformators aus der Hand Lucas Cranachs. Ein dazugehöriges Pendent zeigt das Portrait von Luthers Frau Katharina von Bora und vermutlich ist das Doppelbildnis im Zusammenhang mit deren Hochzeit 1525 entstanden, bei welcher Cranach Trauzeuge war. Es handelt sich um sogenannte Kapselbildnisse, deren Rahmenprofile so gearbeitet sind, dass die Täfelchen aufeinandergelegt und wie ein Döschen verschlossen werden können. Diese Eheschliessung hatte eine politische Tragweite, denn die Braut war eine ehemalige Nonne. Und so wird dieses Allianzbildnis trotz dem privaten Charakter zu einem Dokument für Luthers Ablehnung des priesterlichen Zölibats.

1550 übernahm Lucas Cranach d. J. die Werkstatt seines Vaters, drei Jahre vor dessen Tod. Aus seinem Umkreis ist uns ein treffendes Beispiel für eine antiklerikale Satire im propagandistischen Stile erhalten. Auf der linken Seite des Blattes begegnet uns das mythologische Motiv der Europa, Tochter des phönizischen Königs Agenor, wie sie von Zeus in Gestalt eines Stieres nach Kreta entführt wird. Rechts erscheint sie erneut, umgeben von Geistlichen der Katholischen Kirche. Europa steht hier sinnbildlich für den gleichnamigen Kontinent und die darauf lebenden Christen, die nach reformatorischer Sicht von der Katholischen Kirche befreit werden sollten. Nach der Schändung durch Zeus sitzt Europa nun bereits etwas ramponiert inmitten dieser Kleriker. Die Kleiderfetzen werden ihr vom Leibe gerissen und wir ahnen: Sie werden sich demnächst an ihr vergehen. Blätter wie dieses waren ein unerhörter Affront gegen die Katholische Kirche.

Mit dem Augsburger Religionsfrieden von 1555 wurde schliesslich erreicht, dass Luthertum und Katholizismus zumindest im Deutschen Raum friedlich koexistieren konnten.

Autorin: Seraina Werthemann, Kunsthistorikerin und Kunstvermittlerin