15 Jun 2020

Auguste Rodins «Bürger von Calais» empfangen die Besucher_innen im Innenhof des Kunstmuseums Basel. Ihre Darstellung jedoch verzückte zu Lebzeiten des Künstlers die Auftraggeber des Werks in keiner Weise.

Im Jahr 1347, während des Hundertjährigen Krieges, begaben sich sechs angesehene Würdenträger der französischen Stadt Calais in die Hand des englischen Königs Edward III., nachdem dieser die Stadt zur Kapitulation gezwungen hatte. Er versprach, sämtliche Bürger zu verschonen, sofern sich sechs von ihnen freiwillig stellten. Im Unterhemd und barfuss sollten sie ins englische Lager kommen und ihm die Stadtschlüssel aushändigen, um den Hals einen Strick, an dem sie anschliessend erhängt werden – so die Forderung. Bereit, die Rettung ihrer Mitbürger mit dem eigenen Leben zu bezahlen, wurden sie schliesslich jedoch unerwartet begnadigt.

Nachdem die Stadt Calais 1884 Auguste Rodin damit beauftragte, für diese sechs Helden ein Denkmal zu gestalten, dauerte es über zehn Jahre, bis es 1895 eingeweiht wurde. Denn Rodins Vorschlag gab Anlass für einige Diskussionen, entsprach er doch in mancherlei Hinsicht nicht dem, was man sich damals unter einem Heldendenkmal vorstellte.

Rodin gestaltete keine Helden, die voller Elan und Tapferkeit bereit sind, dem Tode zu begegnen, sondern niedergeschlagene Menschen, die leid- und angstvoll ihrem Schicksal entgegentreten. Ausdrucksstark präsentierte er die Gefühlswelt, mit der jeder den Gang zum englischen König angetreten haben mag. Er verzichtete auf eine Hierarchisierung der Protagonisten und damit auch auf eine Hauptansicht, wie sie für ein Denkmal damals üblich gewesen wäre. Vielmehr sehen wir sechs gleichwertige Individuen, die in verschiedener Haltung, Gestik und Mimik ihrer persönlichen Trauer und Verzweiflung Ausdruck verleihen. Weder den Leidensgenossen zugewandt, noch diese berührend, ist jede Gestalt ganz auf sich selbst zurückgeworfen und bildet ein eigenständiges Zentrum. Jede würde auch als Einzelfigur funktionieren.

Tatsächlich gestaltete Rodin sechs Einzelfiguren, die er zu dem jetzigen Arrangement zusammenfügte. Er drehte und verschob sie so lange, bis sie in ihrer Konstellation die gewünschte harmonische, organische Einheit bildeten. Eine gemeinsame Plinthe verbindet alle sechs, jedoch lässt Rodin die Standplatten der einzelnen Figuren auch im Endergebnis an mehreren Stellen nach wie vor sichtbar, was den künstlerischen Prozess des Zusammenfügens präsent hält und durchaus aussergewöhnlich ist. Der Eigenwert, den Rodin auf diese Weise jeder einzelnen Figur belässt, wird gleichsam zum Sinnträger für die Einsamkeit, in der jeder dieser Stadtherren seinem Schicksal entgegentrat.

Grosse Diskussionen gab schliesslich die Aufstellung der Skulptur. Passend zu der menschlichen Darstellung dieser Helden bevorzugte Rodin eine ebenerdige Präsentation. Er holt die Helden buchstäblich vom hohen Sockel, womit auch die Hierarchie zwischen Denkmal und Betrachter aufgehoben werden sollte.

Rodins Vorschlag zu diesem Denkmal hatte einen Skandal zur Folge. Denn lieber hätten die Auftraggeber ihre Stadtväter in heroischem Aufbegehren auf hohem Sockel gesehen statt in zusammengesunkenen Posen auf Augenhöhe. Diese Skulptur bietet eher die Möglichkeit zur Erstellung eines Psychogrammes als zur Heldenverehrung. Rodins Bürger von Calais stehen somit exemplarisch für die Revolution der Plastik im 19. Jahrhundert. Zu der Kritik an seinem Werk äussert sich Rodin gelassen: «Es ist ganz einfach, an dem Tag, an dem das Publikum meine Skulpturen und die anderer junger Künstler in meinem Fahrwasser anerkennen wird, werden die Lehren der Kunstakademie auf den Kopf gestellt.»

Autorin: Seraina Werthemann, Kunsthistorikerin und Kunstvermittlerin