27 Mar 2020

Im Kunstmuseum Basel gibt es zahlreiche Objekte, die je nach Blickwinkel als kontrovers wahrgenommen werden können. Dazu gehört zum Beispiel "Das Urteil des Paris" von Lucas Cranach. Das Gemälde war deswegen in der letztjährigen Sammlungspräsentation "Kontrovers?" zu sehen.

Paris, Prinz von Troja, solle entscheiden, welche der drei Göttinnen Hera, Athene oder Aphrodite die Schönste sei und dadurch deren Streit ein Ende setzen. Der Auserlesenen sollte er als Zeichen seiner Wahl einen goldenen Apfel überreichen. Die Geschichte erzählt, wie jede der Göttinnen versucht, Paris zu bestechen: Hera verspricht ihm Herrschaft über die Welt, Athene Weisheit, und Aphrodite versichert ihm die Liebe der schönsten Frau auf Erden, der schönen Helena, die allerdings bereits mit Menelaos, dem König von Sparta verheiratet ist. Paris entscheidet sich für die Liebe, und Aphrodite hält ihr Versprechen: Helena verlässt Sparta und folgt Paris nach Troja. Mythologisch gesehen ist dies der Ursprung des Trojanischen Krieges, der fürchterliches Leid über die Antike Welt bringen wird.

Die Geschichte vom Parisurteil wurde zum moralischen Exempel für die Wahl des richtigen Lebensweges und erfreute sich in der Kunst des späten Mittelalters und der Frühen Neuzeit grosser Beliebtheit. Die Darstellung jenes Momentes, in welchem Paris den Apfel an Aphrodite überreicht, sollte den Bildbetrachter daran erinnern, dass jeder Entscheid schwerwiegende Folgen mit sich bringen kann und deshalb wohl überlegt sein muss.

Doch nicht immer scheint diese Vermittlung humanistisch geprägter Werte der wirkliche Fokus bei der Bearbeitung des Themas zu sein. Dies lässt sich gut beobachten anhand des Beispiels von Lucas Cranach, der sich rund ein Dutzend Mal mit dem Motiv beschäftigte. Die Göttinnen tragen hier keine Attribute, das heisst, sie lassen sich nicht eindeutig identifizieren und sehen einander zum Verwechseln ähnlich. Somit entzieht Cranach dem Gemälde die erzählerische Dimension der Bestechungen, die für Paris’ Entscheidung und letztendlich für die moralische Botschaft des Themas jedoch von zentraler Bedeutung wären. Des Weiteren fehlt auch der goldene Apfel, den Paris Aphrodite überreicht. Der Moment jener Wahl mit fatalen Folgen ist nicht Bestandteil dieses Gemäldes. Statt eine Entscheidung fällen zu müssen, geniesst Paris den Anblick der drei Göttinnen, die sich aufreizend vor ihm präsentieren. Sie tragen elegante Hüte sowie Schmuck und geben vor, mit einem durchsichtigen Schleier ihre Scham zu bedecken. Wir begegnen hier nicht einer Nacktheit, welche die Szene ihrer Zeit entbinden würde, um ihre immerwährende Allgemeingültigkeit zu betonen. Vielmehr bleiben die Figuren in Cranachs Zeit verankert. Neben den schweren Ritterrüstungen und mit ihren modischen Accessoires wirken die Göttinnen nicht zeitlos nackt, sondern regelrecht entblösst.

Es lässt sich also die kritische Frage stellen, ob Cranach das moralisch aufgeladene Bildthema nicht lediglich als Alibi nutzt, um ein erotisches Aktbild zu legitimieren? Denn es scheint, dass die voyeuristischen Sinnesfreuden hier eher im Fokus stehen als die moralische Botschaft. Dass die Geschichte ihm vorgibt, nicht eine, sondern drei Göttinnen zu malen, kommt dem Künstler durchaus entgegen, denn aus verschiedenen Perspektiven gezeigt, gelingt ihm hier gleich eine komplette Rundumschau des weiblichen Körpers.

Autorin: Seraina Werthemann, Kunsthistorikerin und Kunstvermittlerin