11. Juli 2019

Brief des Direktors zu den Kündigungen zweier Mitarbeiterinnen

Verschiedene Zeitungen haben Teile aus einer E-Mail von Josef Helfenstein an die Kunstkommission, Donatorinnen und Donatoren sowie weitere Fördererinnen und Förderer des Museums abgedruckt. In diesem Schreiben schildert der Direktor seine Sicht auf die Kündigung zweier Mitarbeiterinnen in Zusammenhang mit dem Frauenstreik und die nachfolgende Berichterstattung darüber. Wir stellen das Schreiben zu diesem Thema hier in voller Länge online:

Die Kündigungen
Das Kunstmuseum Basel musste am 20. Juni zwei Mitarbeiterinnen des Besucherdienstes kündigen. Die Frauen hatten am Freitag, 14. Juni, ohne Absprache bzw. Vorwarnung an ihren Vorgesetzten um 15.30 Uhr ihren Arbeitsplatz verlassen, um am Frauenstreik teilzunehmen.

Mir ist wichtig, folgendes klarzustellen: Die beiden Frauen wurden nicht entlassen, weil sie am Frauenstreik teilnahmen. Das Kunstmuseum Basel hatte nichts dagegen, dass seine Mitarbeiterinnen sich an der Demonstration beteiligten, was in allen anderen Fällen auch kein Problem verursachte. Hätten die betroffenen Aufsichten sich spätestens am Vormittag gemeldet, dann hätte die Leitung des Besucherdienstes ihr Möglichstes getan, um einen Ersatz zu finden.

Wie Sie wissen, gehört der Bestand der Öffentlichen Kunstsammlung Basel nicht uns, sondern der Bevölkerung von Basel sowie auch privaten Leihgeberinnen und Leihgebern. An diesem Freitag während der Art Basel hatten wir über 3‘000 Besucherinnen und Besucher in unseren verschiedenen Häusern. Wenn in einer solchen Situation unser Sicherheitsdispositiv Löcher erhält, haben wir ein grosses Problem, nicht zuletzt was unser Renommee betrifft. Wir verletzen damit Sicherheitsbestimmungen, die wir wie jedes professionell geführte Museum der Welt wahrzunehmen haben. Wir hatten Glück, dass nichts passiert ist. Der Entscheid, den beiden Mitarbeiterinnen, die erst wenige Tage bei uns angestellt waren, zu kündigen, ist nicht leicht gefallen. Unter anderem galt es abzuwägen, ob wir in diesem speziellen Fall eine Ausnahme machen sollten. Wir entschieden uns dagegen und für den Regelfall, der leider Auflösung des Arbeitsverhältnisses während der Probezeit lautete. Ein Grund dafür war auch unsere Glaubwürdigkeit gegenüber den anderen Mitarbeitenden im Besucherdienst, die gerade in diesen hektischen Tagen grossen Einsatz gezeigt hatten.

Auch nachträglich sind wir der Meinung, dass der Entscheid zur Kündigung seine Berechtigung hatte. Doch wir haben die Emotionen in diesem speziellen und sensiblen Fall unterschätzt. Nachdem eine der beiden Frauen mit einer nach unseren Abklärungen unzutreffenden Version der Geschichte ans Regionaljournal des SRF gelangte, brach über uns ein «Shitstorm» herein, bestehend aus unzähligen, teilweise unflätigen E-Mails und Kommentaren auf diversen Medien- und Social Media-Kanälen. Stereotype wie das Kunstmuseum sei ein frauenfeindlicher, verstaubter Betrieb wurden verbreitet, bei einer Demonstration am 22. Juni kam es beinahe zu einer Beschädigung einer Aussenskulptur, die Köpfe der Museumsleitung wurden gefordert. Eine sachliche Diskussion war unmöglich, einer Argumentation von unserer Seite wurde keine Chance gegeben.

Die Heftigkeit und Hässlichkeit der Kampagne hat mich schockiert, und es schien mir angebracht, im Interesse unserer Institution weiteren Schaden zu vermeiden. Deshalb haben wir am 24. Juni aussergewöhnliche Massstäbe angewendet und nach Absprache mit Regierungspräsidentin Elisabeth Ackermann den beiden Frauen eine zweite Chance angeboten. Beide haben dieses Angebot inzwischen abgelehnt.

Was haben wir gelernt? Die Medien sind der Spiegel unserer Gesellschaft, und sie pauschal zu verurteilen ist nicht angebracht. Die digitale Beschleunigung und die Tatsache, dass heute jede Person ihre eigenen «News» fabrizieren und verschicken kann, fordern ihren Preis. Fest steht, dass Sachverhalte bei heiklen Inhalten, die Sensationspotenzial haben, viele Vertreter der klassischen Medien nicht interessieren. Im populistischen Mainstream ist differenzierte Berichterstattung nicht gefragt, und Verantwortung für fehlende Sorgfalt und Verzerrung wird nicht übernommen. Die Wahrheit kommt auf diese Weise schnell unter die Räder, und gerade öffentlichen Institutionen wird so z.T. beträchtlichen Schaden zugefügt. Ich finde diese Tendenz beunruhigend.

Erfreuliches
Für den 25. Juni, der Mediensturm war noch immer im Gang, wenn auch abflauend, hatten wir unser vierteljährliches Mitarbeitertreffen terminiert, zu dem alle eingeladen sind. Ich freue mich immer auf diesen Anlass, und diesmal war es ein ganz besonderes Anliegen, unsere Kolleginnen und Kollegen persönlich und mündlich zu informieren. Die Reaktion unserer Mitarbeitenden – nicht alle hatten die Kampagne so hautnah wie einige von uns erlebt – war für mich beeindruckend. Es war spürbar und für uns sehr wichtig zu sehen, wie die Angriffe auf das Kunstmuseum unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zusammengeschweisst haben. Ich glaube, dass wir als Team in dieser schwierigen Situation gewachsen sind. Dafür bin ich sehr dankbar, und es ist mir ein Anliegen, Ihnen dies auch mitzuteilen.

Josef Helfenstein, Direktor

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